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There is a bee on the roof

There is a bee on the roof

Fotos: Patrick Schwanz
Video: Chiara Cigliutti
Text: Leonie Kantratowicz


Versessenes Hupen, scharrende Fixie-Felgen, an irgendeiner Baustelle platzt lieblich-zischend eine Gasleitung – durch Hamburgs Straßen singt der übliche Chor der Stadt. Und auf den Dächern…summt es.

Um die bunten, aufeinander gestapelten Kisten herrscht fleißiges Treiben. Kleine, flauschige Bienen schlüpfen durch schmale Schlitze ein und aus, kurz schiebt sich eine Wand aus dickem, weißem Rauch vor das Michel-Elphi-Elbe-Trio im Hintergrund-Panorama. Deckel werden angehoben, zum Vorschein kommt ein Wimmelbild, es surrt, summt und brummt und für einen Moment denkt man an ein durchdringendes Atmo-Konzert auf dem Dockville.

Seit gut zwei Jahren sieht man sie auf etlichen Dächern der Hansestadt – ob in Rotherbaum auf dem Flachdach des Institut français, über der BurgerKultour in der Schanze, in Eimsbüttel und Neustadt – und klammheimlich haben sie sich zu einer kleinen Attraktion gemausert. Berechtigt, schließlich sieht man nicht jeden Tag fünf junge Kerle zwischen Bienenkästen in weißen Marschmallow-Anzügen auf einem Dach im Smoker-Nebel stehen und sanft Hunderte kleiner Bienchen von viereckigen Holzrahmen schütteln.

“There is a bee on the roof” heißt das Projekt der Franzosen Sebastian, Paul, Thomas, Jean-Baptiste und Benjamin, das der Honigbiene auch in der Großstadt ein Zuhause geben möchte. Aus dem Gedanken der Nachhaltigkeit entstanden, steht es einer Lebensmittelindustrie gegenüber, die die Förderung regional produzierbarer Produkte seit Langem schon ans untere Ende der Prioritätenliste verbannt hat und stattdessen auf regen Import setzt. Wer vor dem Honigregal einmal die Zeit investiert genauer hinzusehen, stößt unweigerlich auf das Kleingedruckte: “Mischung von Honig aus EU-Ländern und nicht EU-Ländern”. Honig aus allen Winkeln der Erde also, anonym, Herkunft unbekannt, mit tausenden Meilen unter den Sohlen. Eine miese Ökobilanz für ein Produkt, das sogar im eigenen Garten produziert werden könnte – oder eben auf dem Hamburger Flachdach.

Dass den Jungs ein großes Fragezeichen im Gesicht stand, als sie ihre Kästen zum ersten Mal öffneten, merkt man dem Honig nicht an: Leuchtend klar, geschmeidig, wie flüssiges Gold schimmert er in seinen – natürlich ökologischen – Korkengläschen mit schick-minimalistischem Etikett. Wie im Bilderbuch. Anscheinend funktioniert “Learning by doing” eben auch bei der Imkerei (und man munkelt, dass auch YouTube nicht ganz unbeteiligt war…).

Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit, der eine traurige wie besorgniserregende Tatsache zugrunde liegt: Die Bienen sterben. Nicht nur den Honigbienen, auch den Wildbienen macht der noch immer währende Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft zu schaffen. Ausufernde Monokulturen und fortschreitende Bebauung ohne bienenfreundlichen Ausgleich beschneiden die Nahrungsquellen und verdrängen den natürlichen Lebensraum der Insekten. Der Parasitenbefall durch die Varroa-Milbe zählt mittlerweile zu einer der Hauptursachen des Bienensterbens. Die Konsequenz in Zahlen: Allein in Deutschland sowie den USA starb in den vergangenen Jahren knapp ein Drittel der Bienenpopulation, im Nahen Osten sind es erschreckende 85%.



Es ist ein verstörender Widerspruch, denn obwohl die Nahrungsmittelversorgung der – und nein, ich neige nicht zur Melodramatik – GESAMTEN MENSCHHEIT von den kleinen Blütenbestäubern abhängt (Reminder: Wer fliegt noch gleich von Blüte zu Blüte mit Pollen im Gepäck?), ist das allgemeine, öffentliche Bewusstsein für diese problematische Entwicklung verhältnismäßig unausgeprägt. Zu selbstverständlich ist das Funktionieren dieses Ökosystems, die Langzeitfolgen für den eigenen Alltag noch zu unmerklich.

Projekte wie “There is a bee on the roof” könnten deshalb nicht wundervoller sein. Bienen bekommen ein Zuhause, die Hamburger im eigenen Viertel produzierten Honig ohne jeglichen Firlefanz. Win-Win also. Tatsächlich ist die Stadt der wohl happiest place für die kleinen Insekten. Irgendwas blüht immer, der Apfelbaum im Park, die akkurat gezogenen Blumenbeete im Schrebergarten oder Ommas Balkon-Lavendel. Pestizide Fehlanzeige. Und wer Verunreinigungen durch Feinstaub im Honig sucht, könnte sich genauso gut auf die Suche nach dem Wort “Toleranz” auf Alexander Gaulands Hundekrawatte machen.

Für’s Bienenwohl muss jetzt natürlich nicht jeder direkt zum Hobby-Imker avancieren. Wie so oft im Leben reichen die kleinen Dinge, um auch in den Bienenstock ein Lächeln zu zaubern. Da wäre zum Beispiel das heimische Outdoor-Paradies. Sieht ohnehin besser aus, wenn hier auch was wächst, ein paar bienenfreundliche Pflanzen (wie Sonnenblumen, Lavendel, Wild- und Säckelblumen oder Obstbäume) bringen – im wahrsten Sinne – Leben in die Bude. Ohne chemische Unkrautvernichter und Insektenbekämpfungsmittel bleibt hierbei auch der Pestizid-Einsatz auf dem Minimum – und die Bienen gesund.

Der sollte natürlich nicht nur im Garten und städtischen Balkonien eingegrenzt sein. Wie schon erwähnt, birgt vor allem der großzügige Gebrauch von Giften in der konventionellen Landwirtschaft Gefahren für Honig- und Wildbienen, aber auch andere Bestäuberinsekten.

Wie aber dagegenhalten? Ganz einfach – mit der Alternative: saisonalen und ökologisch produzierten Lebensmitteln. Das fördert den pestizidfreien Anbau. Und auf lange Sicht wird ein Umdenken der breiten Masse auch die eingefahrendste Landwirtschaft zum Wandel zwingen. Ein bisschen wie beim nervigen Rotzbengel auf dem Schulhof – wenn keiner mehr guckt, wird’s langweilig.

Und zu guter Letzt: Pfoten weg vom Weltenbummler-Honig! Die deutschen Honigbienen haben genauso viel Skill wie ihre lateinamerikanischen, chinesischen oder malaysischen Verwandten – und leben in der eigenen Nachbarschaft. Die “There is a bee in the roof”-Bienchen machen’s vor: Ihr Honig ist einfach großartig! Und frei von jeglichem Schabernack.

Zu kaufen gibt’s den Hamburger-Hood-Honig übrigens bei Hermetic Coffee Roasters und Roots - Fusion Street Food. Und das Beste: Auch die Wildbienen lachen sich ins Fäustchen – der Erlös fließt als Spenden auch in Projekte zum Schutz der besonders gefährdeten Bienenart.  

Der Biene Maja geht bei so viel Fürsorge wahrscheinlich ordentlich einer ab. Aber auch wir sind endlos verzückt von der Arbeit der fünf Hobby-Imker. Selten gibt es Projekte, deren Ideen mit so viel Überzeugung und so viel Liebe zur Sache umgesetzt werden. Im Honigglas steckt echtes Herzblut. Vielleicht ist es das, was diesen Hamburger Honig so besonders macht.

www.thereisabeeontheroof.de


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